Das Fenster zum Hof (USA 1954) - Kritik von fincher

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Inhaltsverzeichnis

Film-Details

  • Titel: Das Fenster zum Hof
  • Originaltitel: Rear Window
  • Land/Jahr: USA/1954
  • Lauflänge: 112 Minuten
  • Altersfreigabe: 12

Cast & Crew

  • Regie: Alfred Hitchcock
  • Drehbuch: John Michael Hayes
  • Produktion: Alfred Hitchcock
  • Musik: Franz Waxman
  • Kamera: Robert Burks
  • Schnitt: George Tomasini

Darsteller:

  • James Stewart (L.B. 'Jeff' Jefferies)
  • Grace Kelly (Lisa Carol Fremont)
  • Wendell Corey (Det. Lt. Thomas J. 'Tom' Doyle)
  • Thelma Ritter (Stella)
  • Raymond Burr (Lars Thorwald)
  • Judith Evelyn („Miss Lonely Hearts“)
  • Georgine Darcy („Miss Torso“)
  • Ross Bagdasarian (Songwriter)

Einleitung

Bereits 1948 ließ sich Alfred Hitchcock ("Der unsichtbare Dritte"; "Psycho") auf ein filmisches Experiment ein. Mit seinem nur 77 Minuten andauernden Kammerspiel "Cocktail für eine Leiche", der nur geschnitten wird, wenn es aufgrund der damaligen begrenzten Filmrollen der Kameras unbedingt erforderlich war. Jedoch an für den Zuschauer kaum wahrnehmbaren Stellen, sodass sich der Anschein herauskristalisiert, dass der Film nur aus einer einzigen Kamerafahrt besteht. So wurde "Cocktail für eine Leiche" letztlich zwar kein enormer Kassenschlager, seine visuelle Stärke in Verbindung mit einem ebenso starken narrativen Konzept kann man ihm dennoch nicht absprechen, was zudem impliziert, dass dem Altmeister, der einen handwerklich nahezu neuen Weg beschritten hat, diesen auch bravourös gemeistert hat. 7 Jahre später geht Hitchcocks besonderes Rezept, seine Handlung nur in einem verhältnismäßig kleinen Raum ausbreiten zu können und die Konstellation der Figuren aufs Minimalste zu beschränken, in die nächste Runde. "Das Fenster zum Hof" heißt er, dieser optisch einmal mehr ganz und gar auffallende Kandidat, bei dem sich der "Master of Suspense" auf eine äußerst geistreiche Story stützt und zugleich die konventionellen Sehgewohnheiten des Zuschauers ad absurdum führt.

Handlung

Der Sensationsfotograf L.B. "Jeff" Jefferies ist wegen seines gebrochenen Beines für sieben Wochen an den Rollstuhl gefesselt. Aus reiner Langeweile beobachtet er daher mit einem Fernrohr über den Hinterhof seines New Yorker Appartments hinweg die Geschehnisse in den anderen Wohnungen. Eines Tages erscheint es dem Fotografen jedoch äußerst seltsam, als die Ehefrau eines Bewohners plötzlich nicht mehr da ist. Immer mehr erhärtet sich "Jeffs" Verdacht, dass der seltsame Nachbar seine Frau umgebracht haben könnte. Doch leider fehlen ihm die Beweise und keiner will ihm seine doch sehr unglaubwürdig klingende Geschichte so richtig glauben. Allerdings gelingt es dem geplagten "Jeff", seine Freundin Lisa und seine Pflegerin Stella für Recherchen zu mobilisieren. Die Beweise verdichten sich und gemeinsam entwickeln die drei einen Plan, den Mörder zu überführen. Sie ahnen allerdings nicht, dass sie sich damit auch in Lebensgefahr bringen...

Umsetzung

In Hitchcocks Film, den er gemeinhin als einen seiner Lieblingsfilme bezeichnet, ist die Rahmenhandlung – nach einer Kurzgeschichte von Cornell Woolrich, dessen Handlung allerdings um einiges ausgebaut wurde - von einem an den Rollstuhl gefesselten Fotografen, der seine Freizeit lediglich damit verbringt, seine wohl gesonnene Nachbarschaft explizit unter die Lupe zu nehmen, auf den ersten Blick sicherlich das Ergebnis eines simpel gestrickten Plots. Doch John Michael Hayes´ ("Immer Ärger mit Harry"; "Der Mann, der zuviel wusste") Script und Hitchcocks sichere Regie lassen die ganze Handlung in einem ganz anderen Licht erscheinen, ist sie doch in Wirklichkeit vielschichtig und offenbart unter der scheinbar klassischen Detektivstory ein überraschend hohes Maß an Komplexität. In erster Linie ist "Das Fenster zum Hof" nämlich eine psychologisch mehrdimensionale Studie über Liebe, über die unersättliche Gier unserer Augen, über die Frage nach der Funktionalität einer möglichen Ehe zweier völlig unterschiedlicher Individuen mit völlig unterschiedlichen moralischen Auffassungen vom Leben, aber auch ein großes, ein virtuoses Essay über das Sehen und Gesehenwerden, den Voyeurismus als solches. Und gerade letzteres macht "Das Fenster zum Hof" zu etwas Einzigartigem, zu etwas Besonderem, ja, gar zu einem Meisterwerk seines Genres. Denn Hitchcock erweckt den heimlichen Voyeur in uns allen, in dem er uns intensiv an der Handlung teil nehmen lässt und uns schlussendlich genauso hilflos macht wie den Protagonisten L. B. "Jeff" Jefferies (James Stewart).

Aus diesem Grunde verführt uns quasi der Regisseur. Der Zuschauer schaut genauso auf diesen Mikrokosmos von Hinterhof wie "Jeff". Der gefesselte Fotograf fungiert somit also als Stellvertreter für den Kinozuschauer. Wir sehen alles was auch "Jeff" sieht. Wir sind aber auch gleichermaßen hilflos wie der Protagonist, wir können nicht eingreifen, wenn es zu ausweglosen Extremsituationen kommt, so wie jene, in der Lisa (Grace Kelly) in die Wohnung des verdächtigen Mr. Thorwald (Raymond Burr) geht, um mit Beweisen herauszukommen, der Verdächtige jedoch früher nach Hause kommt als vorher angenommen. Und nichtsdestotrotz befreit Hitchcock den heimlichen Voyeur in uns, denn wir sind ebenso wie der Fotograf neugierig und können unsere Augen nicht von diesen Individuen, schon gar nicht von Mr. Thorwald, lassen, zu groß ist die Versuchung, zu klein ist sie um wegzuschauen. Und was sehen wir da? Blicke, Reaktionen. Hitchcock analysiert sie, seziert die unterschiedlichsten Verhaltensweisen. De facto zieht er den Betrachter des Filmes unmittelbar in dessen Handlung ein, ohne dass der Zuschauer dabei einen Informationsvorsprung gegenüber "Jeff" hat. Alles was er weiß, was er mutmaßt und was er nicht sieht, ist auch bei uns – den Zuschauern – so. Und wir steigern uns letzten Endes genauso in Obsessionen rein wie "Jeff". Selbst unser Interesse für diverse andere Personen schwindet immer mehr. Die möglicherweise tote, unbekannte Frau erscheint uns mehr und mehr wichtiger als die bekannten Lebenden. Wir wollen ganz einfach, dass Mr. Thorwald tatsächlich der Mörder ist. Eine harmlose Erklärung für die ganzen Geschehnisse würde uns und "Jeff" dagegen enttäuschen.

Verpackt in eine intelligente, ungemein fesselnde Crimestory mit einer Vielzahl an Turns und ists, zudem in Sachen Konstruktion, Dramaturgie und Atmosphäre vorbildlich und dicht, ist "Das Fenster zum Hof" vor allem eines: spannend. Und heiter. Denn der Streifen versprüht wie die Mehrzahl der Filme in des Altmeisters Ouevre einen angenehm komödiantischen Touch. Doch keineswegs mithilfe albernen, platten Slapsticks, sprich dem Holzhammer, nein, das Drehbuch driftet stattdessen in sarkastische und gar zynische Töne ab. Darüber hinaus ist das ganze Setting, ferner die stimmige Innenhofkulisse, mit einer lockeren Spritzigkeit versehen, nicht umsonst spielt sich die Geschichte im warmen Sommer ab, alle Türen und Fenster sind geöffnet, aus denen leichte Musik erklingt. Dank Hitchcock, dank seiner akribischen Detailverliebtheit, werden wir aber keinesfalls nur Zeuge wo die Leute genau wohnen, wir bekommen eher einen interessanten Einblick in das Privatleben der Menschen, all ihre Schwächen, ihre Geheimnisse, ihre Indiskretionen werden uns (schamlos) näher gebracht. Dort leben alte und junge Leute, aber auch einsame Leute, beispielsweise in Gestalt eines bildschönen Mädchens, eines erfolglosen Künstlers oder einer lethargischen und – so scheint es jedenfalls – suizidgefährdeten Dame, welche die Liebe ihres Lebens vergeblich findet.

Dennoch liegt der Fokus der hiesigen Nachbarschaft nicht nur auf dem Alleinsein als solches, laut Hitchcock ist es hauptsächlich das zentrale Motiv der Liebe, das hier tangiert wird. Wenn man genau hinschaut, erweist sich das nur als richtig. Da ist das noch junge Liebespaar, frisch verheiratet, das ständig miteinander schläft - sehr zum Leidwesen des Ehemannes, da begegnen wir dem ältesten Ehepaar, welches ihre Liebe ganz ihrem kleinen Hündchen widmet, da ist die attraktive Tänzerin, die von einer Vielzahl an attraktiven Männern umgeben ist, letztendlich aber nur auf ihren kleinen, von Schönheit gänzlich befreiten Freund wartet, genauer gesagt auf sein Wiederkommen vom Militär. Da ist der Pianist, der durch ein eigenkomponiertes Lied die Aufmerksamkeit einer weiteren Person, der oben erwähnten Dame – "Miss Lonely Hearts" - erweckt. Und natürlich sind da noch "Jeff" und Lisa.

"Jeff" und Lisa. Das sind die beiden Protagonisten, die "Das Fenster zum Hof" auf eine andere Ebene heben. Auf eine deutlich komplexere. Denn wie in etwaigen anderen Filmen des Meisterregisseurs, geht es auch hier nicht nur vordergründig um einen vermeintlichen Mord und dessen Aufklärung, sondern vor allem um zwischenmenschliche Beziehungen. "Jeff" ist unschlüssig, ob er mit Lisa eine Beziehung eingehen will. Immerhin sind das zwei Paar Schuhe. Eine junge und attraktive Frau mit dem Hang zur neuesten Mode, die jeden Tag ein neues Kleid trägt, eine Dame von reichem Hause. Und die in ihrem "Jeff" den Mann ihres Lebens gefunden zu haben scheint, die demnach nach Liebe dürstet. Auf der Gegenseite ein Fotojournalist, der in alle Herren Länder reist, der fast tagtäglich sein Leben aufs Spiel setzt, der mit den haarsträubensten Situationen fertig werden muss. So was kann doch nicht wirklich funktionieren, oder? Nun, Hitchcock stützt sich da auf keine eindeutige Antwort, er differenziert die These in argumentativen Dialogen zwischen "Jeff" und Lisa. So verhält es sich auch mit der Frage, ob es moralisch richtig ist, seine Nachbarn so dermaßen ehrgeizig zu beobachten, auch wenn dabei ein Mörder entlarvt werden kann. Und dann ist da noch die Storyline mit dem Detektiv (überzeugend: Wendell Corey). Eine tendenziell klassische Randbeobachtung, die sich damit beschäftigt, dass sich „Jeff“ das alles nur einbildet. "Tom" Doyle, dieser Detektiv, ist zwar sein Freund, kann ihm aber aufgrund der Rechtslage nicht weiterhelfen, ja, er hat für alles eine sogar mehr oder weniger plausible Erklärung, "Jeffs" Vermutungen findet er dagegen lächerlich, sodass der Fotograf den Fall allein, auf nicht gerade llegale Weise, aufklären muss, am Ende jedoch für seine Neugierde (symbolisch) bestraft wird – ein häufig eingesetztes narratives Stilmittel Alfred Hitchcocks.

Die Darsteller / Diverses

Mit James Stewart ("Der Mann, der zuviel wusste"; "Vertigo – Aus dem Reich der Toten"), Grace Kelly ("Bei Anruf Mord"; "Über den Dächern von Nizza") und Thelma Ritter ("Untergang der Titanic"; "Der Gefangene von Alcatraz") hatte Hitchcock ein absolutes Traumtrio zusammengestellt. Stewart gibt den Fotografen gewohnt souverän, Kelly ist ein optischer Leckerbissen und Ritter ist für den bissigen Humor zuständig. Unbedingt sei noch Raymond Burr ("Die Liebesabenteuer des Don Juan"; "Die Marx-Brothers im Theater") zu erwähnen, der den mysteriösen Lars Thorwald mit intensivem method acting veredelt. Handwerklich besticht die großartige Kameraführung von Hitchcocks Protegé Robert Burks ("Der unsichtbare Dritte"; "Die Vögel"). Mit einer Symbiose aus kurzen und langen Kameraschwenks (Burks Kamera = "Jeffs" Auge) rund um die damals größte Sudiobühne der Welt, die der Filmemacher aufgrund der für ihn unzufriedenstellenden Lichtverhältnisse am ursprünglich vorgesehenen Drehort extra für den Streifen errichten lies.

Fazit

Wie schon beim großartigen "Cocktail für eine Leiche", geht auch Hitchcocks originelles und selbstironisches Voyeurismus-Experiment, sein makabres Kammerspiel, tadellos auf. Nur, dass es sich hier um keinen reinrassigen Krimi handelt, sondern eher um ein äußerst vielschichtiges Psychogramm mit leisen gesellschaftskritischen Tönen inmitten einer von Indizien, Liebe, Risiko und Verdacht durchzogenen, aufregenden Geschichte in einem einzigen Raum. Zurecht ein Klassiker perfekten Spannungskinos.

Bewertung: 10/10

DVD-Details

  • Getestete Version: „Das Fenster zum Hof“-Die Hitchcock Collection
  • Bildformat: 1,66:1 (anamorph/16:9)
  • Tonformate: Deutsch Dolby Digital 2.0 Mono, Englisch Dolby Digital 2.0 Mono
  • Untertitel: Deutsch, Englisch für Hörgeschädigte, Dänisch, Finnisch, Niederländisch, Norwegisch, Schwedisch
  • Bonusmaterial: Making Of, Bericht, Kunstgalerie, Trailer-Kompilation, Original-Kinotrailer

Verpackung

„Das Fenster zum Hof“ im Rahmen der Hitchcock Collection kommt in einem handelsüblichen Amaray-Case daher, welches noch zusätzlich über ein 4-seitiges Booklet mit Produktionsnotizen verfügt.

  • Diese Seite wurde zuletzt am 12. Januar 2009 um 18:04 Uhr geändert.
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