Die 12 Geschworenen (USA 1957) - Kritik von fincher

Aus wiki.dvdb.de

Wechseln zu: Navigation, Suche

Inhaltsverzeichnis

Film-Details

  • Titel: Die 12 Geschworenen
  • Originaltitel: 12 Angry Men
  • Land/Jahr: USA/1957
  • Lauflänge: 92 Minuten
  • Altersfreigabe: 12

Cast & Crew

  • Regie: Sidney Lumet
  • Drehbuch: Reginald Rose
  • Produktion: Henry Fonda und Reginald Rose
  • Musik: Kenyon Hopkins
  • Kamera: Boris Kaufman
  • Schnitt: Carl Lerner

Darsteller:

  • Martin Balsam (Geschworener Nr. 1)
  • John Fiedler (Geschworener Nr. 2)
  • Lee J. Cobb (Geschworener Nr. 3)
  • E.G. Marshall (Geschworener Nr. 4)
  • Jack Klugman (Geschworener Nr. 5)
  • Ed Binns (Geschworener Nr. 6)
  • Jack Warden (Geschworener Nr. 7)
  • Henry Fonda (Geschworener Nr. 8/Mr. Davis)
  • Joseph Sweeney (Geschworener Nr. 9/Mr. McCardle)
  • Ed Begley (Geschworener Nr. 10)
  • George Voskovec (Geschworener Nr. 11)
  • Robert Webber (Geschworener Nr. 12)

Einleitung

2005 erhielt er einen Ehrenoscar für sein Lebenswerk. Lange galt er als Experte für Polizei- und Justizfilme. Eine oftmals ungewöhnlich komplexe Themenbehandlung, ohne jedoch auf obligatorische Stilmittel des Genres zurückzugreifen – durch viele Dialoge wird die Story häufig erzählt - ist ebenso sein Markenzeichen wie eine doch recht direkte/intensive Gewaltdarstellung in seinen späteren Werken. Wenn man sich die Figurenkonstellationen in den Filmen vom in Philadelphia, Pennsylvania geborenen Regisseur Sidney Lumet betrachtet, besticht vor allem der wiederkehrende Außenseiter als Identifikationsfigur, auf dem der Fokus und somit also die Aufmerksamkeit des Zuschauers liegt. Desweiteren nimmt der Regisseur häufig – wenn auch nur indirekt - Stellung ein, und das auf einer politischen Ebene. Dabei ist Sidney Lumet als Sohn plonischstämmiger Juden im New Yorker Arbeiterviertel aufgewachsen und verdiente sich seine ersten Sporen im Theaterbusiness. Aufgetreten ist er vor allem mit jiddischen Stücken, so lange, bis Lumet schließlich zum Broadway kam. In der Armee nach seinem Studium (dramatische Literatur) an der Columbia University stationiert, wurde er schlussendlich Funk- und Radiospezialist. Doch nach seiner Rückkehr aus Indien gründete der schon bald zum Starregisseur („Mord im Orientexpress“; „Serpico“; „Network“) avancierte Amerikaner die erste Off-Broadway-Theatergruppe „The Actor´s Workshop“, und erhielt später sogar eine Stellung – dank seines Freundes und Schauspielers Yul Brynner („Die glorreichen Sieben) – bei der CBS als Regieassistent und arbeitete dort vorzugsweise als Serienregisseur.

Handlung

Eigentlich scheint ein bestimmter Angeklagter seinen Vater wirklich umgebracht zu haben, doch einer der für den Fall zugewiesenen 12 Geschworenen ist sich der Sache im Beratungsraum des Gerichts nicht so ganz sicher. Da das Urteil jedoch einstimmig gefällt werden muß, kann er sich nicht dazu entschließen, den Angeklagten schuldig zu sprechen, denn sein "ja" würde den angeblichen Täter logischerweise auf den elektrischen Stuhl bringen. Mit der Zeit jedoch werden die Zweifel immer größer, ob der junge Mann wirklich der Täter ist...

Umsetzung

Den gefeierten Durchbruch gelang Sidney Lumet dann 1957 mit „12 Angry Men“ („Die 12 Geschworenen“), einem kammerspielartigen Justizdrama nach dem gleichnamigen Fernsehspiel aus der Serie „Studio One“ von Reginald Rose, der bei diesem Film auch als Drehbuchautor und als einer der Produzenten fungierte. Ein Film, der nicht nur unlängst den Status als großer Klassiker, vielleicht auch als stärkster Gerichtsfilm aller Zeiten inne hat, nein, er gilt darüber hinaus auch als Musterbeispiel für menschliches Gruppenverhalten, menschliche Rollenverteilung. Lumet hat es also geschafft einen psychologisch und soziologisch gleichermaßen wertvollen Film zu inszenieren, der (indirekt) kritissiert, Bewusstsein über ein angehendes Todesurteil + der unantastbaren Würde des Menschen schafft und gleichzeitig poträtiert, wie man auf leichtfertige Art und Weise mit einem Menschenleben umgehen kann. Das Ganze dann in atmosphärischer schwarz/weiß-Visualisierung, mit starken Darstellern (Henry Fonda; Martin Balsam) besetzt und zudem nur in ganzen 21 Tagen abgedreht. Angemerkt sollte noch sein, dass „Die 12 Geschworenen“ in seinem Jahr bei Leibe kein erfolgreicher Streifen gewesen ist – er spielte nichteinmal seine „niedrigen“ Produktionskosten wieder ein und konnte auch keinen der 3 Oscars, für den er nominiert wurde (Bester Film; Beste Regie und Bestes adaptiertes Drehbuch) mit nach Hause nehmen. Nichtsdestotrotz konnte Lumets Spielfilmdebut (2007 vom National Film Registry aufgenommen) auf der Berlinale von 1957 auftrumpfen, und gewann somit als eine der wichtigsten Auszeichnungen den Goldenen Bären für den besten Film.

Jetzt aber zurück zum eigentlichen Werk, welches hier rezensiert wird und der damit verbundenen Story. „Die 12 Geschworenen“ ist ein sehr minimalistisch gehaltener Film. Abgesehen vom Anfang und dem Epilog am Ende spielt sich der gesamte Film in einem verhältnismäßig kleinen Beratungsraum ab, in der die Jury über das zunächst völlig eindeutige Urteil eines 18-jährigen Jungen entscheidet, welcher seinen Vater durch ein Messer getötet haben soll. Nach und nach kommen jedoch Zweifel an seiner Täterschaft auf, nicht zuletzt durch die leidenschaftliche Argumentation des einzigen Mannes, der den mutmaßlichen Täter von Anfang an für nicht schuldig hält: Mr. Davis (Henry Fonda). Mit der Zeit kann er sogar einen nach dem anderen überzeugen, was sich in der Tatsache wiederspiegelt, dass bei Abstimmungen immer mehr Leute ihre Hand für nicht schuldig heben. Und genau hierbei verbergen sich die atemlosen Spannungsmomente des Filmes, welche durch ein grandioses Darstellerensemble unterstützt werden. Was „Die 12 Geschworenen“ gerade so sehenswert und schon gar nicht langweilig macht, sind die wirklich hochkarätigen Dialoge zwischen den Protagonisten, die einmal mehr die Handlung in erster Linie vorranbringen. Lumet ist es gar gelungen, jedem seiner Figuren eine eigene Persönlichkeit zu verleihen und damit Leben einzuhauchen, aus denen persönliche Konflikte heraus entstehen. Da werden gewisse Vorurteile tangiert und es wird zu alledem noch die Frage aufgegriffen, was es heißt, einen Menschen in den Tod zu schicken, vor allem wenn berechtigte Zweifel bestehen. Eine wahrlich wichtige, ergreifende, überlebensgroße Botschaft transportiert folglich dieser Film und übt gleichzeitig Kritik an der Regierung und ihrem manchmal naiven Justizsystem aus. Viele dieser anfangs von der Schuld des Angeklagten überzeugten Geschworenen sind eine ambivalente Persönlichkeit, denn je mehr Mr. Davis argumentiert, desto mehr zweifeln die anderen an der Schuld des 18-jährigen Jungen. Und das hat dann überhaupt nichts mit Mitleid zu tun, wie einer der Geschworenen immer wieder sagt, sondern mit Pflichtgefühl und aufopfernder Zivilcourage, wie man sie heute nur noch selten findet. Gelegentliche Smalltalks der Charaktere über alltägliche Dinge, wie beispielsweise Werbung oder Football finden ebenso Einzug in den Film, was um ein weiteres zur Komplexität der narrativ herausragenden Story beiträgt. Auflockender, aber dennoch nicht zu viel vertretender Galgenhumor darf natürlich auch nicht fehlen. Das Ende müsste darüber hinaus zwar bekannt sein, nein eher überraschungsarm, großartig in Szene gesetzt aber allemal, weil intensiv und eindringlich.

Es ist vor allem diese elegante Kameraführung mit dem spärlich eingesetzten Schnitt, die einen Großteil der Atmosphäre ausmacht. Die mit ihren langsamen Fahrten für mächtige Closeups von Gesichtern der Protagonisten sorgt, und somit eine künstlerisch-wertvolle Note versprüht. Wie es sich für ein richtiges Kammerspiel gehört, kommt auch die Klaustrophobie nicht zu kurz. Man spürt förmlich die Enge, den begrenzten Raum des Anhörungsraumes. Ein Umstand, der wieder einmal durch die hervorragende Symbiose aus dem Schnitt und der virtuosen Kamera – wie oben schon angedeutet - bewerkstelligt wird. Auch Hopkins Score wird nur ganz selten eingesetzt, so kann sich der Zuschauer also ganz den Dialogen widmen, ohne dabei von irgendwelchen störenden Geräuschen irritiert zu werden oder sich beeinflussen zu lassen.

Die Darsteller

So eine auf den ersten Blick einfach erscheinende Story auf beengter Fläche kann natürlich nur stattfinden, wenn auch die dazugehörigen Schauspieler entsprechend agieren. Und genau das ist wohl eine der größten Stärken, einem Kernpunkt von „Die 12 Geschworenen“. Ich will damit ganeu sagen, dass trotz der kurzen Lauflänge Lumets Figuren gar nicht mal so oberflächlich gezeichnet worden sind. Da hätten wir zunächst das anscheinend bekannteste Gesicht im Cast, das sich in der Person von Henry Fonda („Der falsche Mann“) wiederfindet. So wie es aussieht, ist er anfangs der einzig Vernünftige der Geschworenen und möchte auf keinen Fall das Urteil schnell und unüberlegt fällen, um schon nach kurzer Zeit nach Hause zu gehen. Nein, er wehrt sich instinktiv gegen ein Todesurteil und möchte den Fall mit all seinen Beweisen, Indizien und Zeugenaussagen nochmal durcharbeiten – sehr zum Bedauern der anderen, doch das scheint ihn bei weitem nicht zu interessieren, denn im Gegensatz zu seinen Kollegen bedeutet ihm das Wort Rechtschaffenheit etwas, sogar viel. Überhaupt hatte ich den Eindruck, dass dieser Mr. Davis die einzig richtigen Moralvorstellungen hatte, er wusste was es heißt, einen Menschen in den Tod zu schicken, auch wenn die scheinheiligen Beweise geradezu erdrückend sind. Fonda verleiht seiner Figur ein ruhiges, überlegenes, aber niemals arrogantes Aussehen. Ein Gentleman, wie er im Buche steht. Stets beherschend und in sich gekehrt, welcher sich aber trotzdem nicht zu schade ist, allen anderen die Stirn zu bieten und sich dafür gewissermaßen Spott einzuhandeln (Da haben wir wieder den für Lumet so esssenziellen Außenseiter, den „Loser“.). Dafür ist er einfach zu ehrgeizig und zu sehr von des Jungen Unschuld überzeugt. Letztendlich zahlt sich diese Angelegenheit und der leidenschaftliche Kampf gegen die drohende Verurteilung auch aus: Einige Geschworenen, die anfangs dem Gruppenzwang erlegen waren, stellen sich später dann sogar auf seine Seite und versuchen mit aller Kraft, losgelöst und mit diesmal offenen Augen andere davon zu überzeugen, dass es wiederum falsch ist, jemanden bloß durch Vorurteile in den Tod zu schicken, bei dem das Verbrechen zwar eindeutig erscheint, berechtige Zweifel aber trotzdem bestehen. Es würde hier zwar den Rahmen sprengen, auf alle weiteren (überzeugenden) Darsteller einzugehen, besonders ist mir aber Joseph Sweeney als Mr. McCardle in Erinnerung geblieben. Er ist der erste, der sich auf die Seite von Mr. Davis begibt und er ist ebenfalls die entscheidene Person, welche die Argumentation zu Gunsten Henry Fondas kippt, also gegen Ende. Sweeney ist darüber hinaus der Einzige, der seine Anonymität aufgibt, und stattdessen seine wahre Identität Fondas im Epilog preisgibt, alle anderen werden nur mit ihrer Geschworenen-Nummer angesprochen/identifiziert, entsprechend ihrem Sitzplatz am Tisch. Trivial das Ganze, aber egal.

Fazit

Hat der Streifen denn nun seinen vielpropagierten Status als bester Gerichtsfilm aller Zeiten verdient, oder trägt er ihn gar zu Recht? Ja und ja. Sidney Lumet hat mit seinem Leinwandebüt ein atmosphärisch-dichtes, packendes, raffiniertes und mehrdimensionales Justizdrama geschaffen, das aufzeigt, wozu Erzählkino in früherer Zeit noch in der Lage war. Ergo: Ein durch und durch brillant geschauspielerter Klassiker – vielleicht DAS Kammerspiel schlechthin - , dessen Botschaft auch heute noch nichts von ihrer Bedeutung, von ihrer Intensität verloren hat, noch lange nicht.

Bewertung: 10/10

DVD-Details

  • Getestete Version: „Die 12 Geschworenen“ - 90 Jahre United Artists-Edition
  • Bildformat: 1,64:1 (LBX)
  • Tonformate: Deutsch Dolby Digital 1.0 Mono, Englisch Dolby Digital 2.0 Mono, Französisch Dolby Digital 2.0 Mono, Italienisch Dolby Digital 2.0 Mono, Spanisch Dolby Digital 2.0 Mono
  • Untertitel: Deutsch, Englisch, Deutsch für Hörgeschädigte, Englisch für Hörgeschädigte, Dänisch, Finnisch, Französisch, Italienisch, Niederländisch, Norwegisch, Schwedisch, Spanisch
  • Bonusmaterial: Original Kinotrailer

Verpackung

Die „Die 12 Geschworenen“-DVD in der 90 Jahre United Artists-Auflage kommt in einem handelsüblichen Amaray-Case ohne Booklet daher.

  • Diese Seite wurde zuletzt am 7. August 2008 um 13:11 Uhr geändert.
  • Diese Seite wurde bisher 134-mal abgerufen.