Im Zeichen des Bösen (USA 1958) - Kritik von fincher
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Film-Details
- Titel: Im Zeichen des Bösen
- Originaltitel: Touch of Evil
- Land/Jahr: USA/1958
- Lauflänge: 106 Minuten
- Altersfreigabe: 16, früher 18
Cast & Crew
- Regie: Orson Welles
- Drehbuch: Orson Welles
- Produktion: Albert Zugsmith und Rick Schmidlin
- Musik: Henry Mancini
- Kamera: Russel Metty
- Schnitt: Virgil W. Vogel, Aaron Steel und Edward Curtis
Darsteller:
- Charlton Heston (Miguel Vargas)
- Janet Leigh (Susan Vargas)
- Orson Welles (Capt. Hank Quinlan)
- Joseph Calleia (Sgt. Pete Menzies)
- Akim Tamiroff („Onkel“ Joe Grandi)
- Joanna Moore (Marcia Linnekar)
- Ray Collins (Staatsanwalt Adair)
- Dennis Weaver (Nachtportier des Mirador Motel)
- Mort Mills (Al Schwartz)
- Marlene Dietrich (Tanya)
- Zsa Zsa Gabor (Nachtclubbesitzerin)
- Joseph Cotten (Coroner)
- Mercedes McCambridge
- Keenan Wynn
Einleitung
Wir befinden uns in Los Robles, einem kleinen Städtchen an der mexikanisch-amerikanischen Grenze. Ein Schmelztiegel ist das. Hier wird mit Bordellen, Prostitution und Drogen das ganz große Geld gemacht. Schmutziges Geld. Gangs sind an der Tagesordnung, Gewalt allgegenwärtig. De facto kann man dieses dreckige Lob Robles durchaus als die Nachtseite der Zivilisation konstatieren. In eben dieser Stadt bekommen wir zunächst einmal eine Bombe zu sehen, die von einem nicht zu erkennenden Mann in ein Auto positioniert wird. Danach taucht die Kamera ab in das Straßen- und Nachtleben, schwebt über Häuserdächer, vorbei an einem Liebespaar, folgt dem besagten Auto stillschweigend und schnörkellos. Erst als die Kamera festen Boden gefunden hat, als die ortsansäßigen Grenzpolizisten lachend salutieren und das Auto in die Staaten hinüberlassen, als der mexikanische Rauschgiftermittler Miguel Vargas (Charlton Heston) mit seiner Frau Susan (Janet Leigh) ganz unbefangen einen Schokoshake trinken wollen, fliegt genau in diesem Augenblick der angesprochene Wagen in die Luft. Etwa vier Minuten dauert diese filmisch kongeniale, weil völlig schnittlose Szene, die sowohl als Eingangssequenz in Orson Welles "Im Zeichen des Bösen" ("Touch of Evil") fungiert, als auch als ekstatisches Todesballet aus Photographie, Musik und Darstellern interpretiert werden kann. Eine Szene, ein Paradebeispiel in Form einer „einfachen“ Begebenheit, welches prädestiniert für sein Genre ist, von unglaublich annmutiger Imposanz, das Filmgeschichte schrieb.
Handlung
Los Robles ist eine Kleinstadt an der mexikanisch-amerikanischen Grenze, in der mit Bordellen und Drogen das Geld verdient wird - und nicht gerade wenig. Kurz nach dem Passieren der Grenze wird ein Auto vor den Augen des mexikanischen Rauschgiftpolizisten Miguel Vargas, der seiner Frau Susan Vargas, wie er dem Grenzbeamten erzählt, einen Schokoshake kaufen möchte, von einer Bombe in die Luft gesprengt. Am Explosionsort begegnet Vargas dem korrupten US-Inspektor Hank Quinlan. Es entspinnt sich eine intrigenreiche Geschichte zwischen den beiden gegensätzlichen Charakteren, bei der Quinlan nicht einmal vor dem Fälschen von Beweisen und sogar Mord zurückschreckt..
Umsetzung
Dabei hatte es der Exzentriker ("Citizien Kane"; "Der Prozess") mit seinem "Im Zeichen des Bösen", der sich unter Amerikas "Schwarzer Serie", dem Film noir, einordet nicht leicht. Vor allem gestaltete sich die Produktion als äußerst schwierig, sodass die Produzenten von Universal gegen seinen Willen letztlich mit einer komplett umgestalteten Fassung reagierten, die jedoch erheblich gekürzt und abgeändert zum Leinwandstart rauskam und Welles´ in erster Linie unversöhnliche Aggressivität in den Bildern mildern, aber auch durch erklärende Szenen aufgelockert werden sollte. Der Regisseur schrieb daraufhin ein leidenschaftliches 58-seitiges Memorandum, in dem er sich über die übrig gebliebe, "zerstückelte" Fassung seines Streifens aufregte und um Änderungen in den meisten Szenen bat. So gibt es seit 1998 auf der Basis dieses Memorandums einen Director´s Cut, der Welles ursprünglich vorgesehene Fassung zum Vorschein bringt, die gleichzeit um einiges düsterer und härter daherkommt als die Kinofassung von 1958, und auf der sich gleichzeitig diese Rezension stützt. Trotzdem war Orson Welles von der Bevormundung kommerzieller Interessen derart frustriert, dass er danach nie wieder einen Film in Hollywood drehte, sondern nur noch in Europa produzierte.
Im Kern erzählt die auf dem wilden, pulpigen Kriminalroman "Unfehlbarkeit kann tödlich sein" ("Badge of Evil") von Whit Masterson basierende Geschichte, die Welles nichtsdestotrotz komplett umgeschrieben hatte, von Korruption, Gewalt, Hass, Intrigen und sogar Mord. Sicher: Keineswegs ist Welles´ Script in dem Zusammenhang komplex oder gar mehrschichtig, schon gar nicht stringent oder linear, kompliziert/wirr triffts dann schon eher. Nach der atemberaubenden Anfangssequenz findet sich der Zuschauer nämlich in einem dichten Gestrüpp, in einem verwinkelten Labyrinth aus scheinbar zusammenhanglosen Ereignissen wieder, sodass es einem nicht immer leicht fällt, der teils etwas langatmigen, dennoch durchweg dramaturgisch überzeugenden und intelligenten Story einwandfrei zu folgen. Will heißen, dass die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen, zwischen Verbrechersuche und giftigem Rausch, zwischen Tag und Nacht, zwischen Moral und Verbrechen, nichts ist so wie es scheint. Alles, selbst Recht und Ordnung, ist aus den Fugen geraten. Welles streut mit Absicht so einige Teile eines großen Puzzles aus, nur um ganz am Ende selbiges vernünftig zusammenzusetzen und gleichzeitig ad absurdum zu führen. Ein Puzzle, bei dem der Regisseur weder auf gezielt entfesselte, dann aber ausufernde und rohe Gewalt (Nicht umsonst hatte der Film vor seiner Herunterstufung eine Altersfreigabe ab 18 Jahren vorzuweisen.) noch auf unlogische Handlungsweisen seiner Protagonisten verzichtet.
Vielmehr legt "Im Zeichen des Bösen" gewichtigen Wert auf seine Atmosphäre, auf seine Stimmung denn auf eine ausgefeilte Narration. Frivol, düster und dreckig entfaltet sich Los Robles, diese abgrundtief finstere Halbwelt. In seinem Grundtenor stets bedrückend, in seiner Stimmung ist dieses grenzwertige Städtchen pessimistisch, deren Einwohner zweilichtige, gefährliche Gestalten und wird durch Russel Mettys ("Spartacus"; "Der Omega-Mann") stilvoller Bebilderung zum Leben erweckt, in dem sich ein kleiner, aber effektiver Rausch der Gewalt in diesem Kleinod entfaltet. Und trotzdem sorgt Mettys dynamische Kameraarbeit oftmals dafür, dass die wie im Delirium gefilmte Atmosphäre einen surrealen, ferner durch unkonventionelle Schrägperspektiven einen irrationalen, ja, gar opernhaften Charakter bekommt und somit den Untergang der Charaktere um einiges theatralischer erscheinen lässt, ähnlich einem Weltuntergang. Komplettiert durch Henry Mancinis ("Der rosarote Panther"; "Frühstück bei Tiffany") stimmigen, dem Geschehen angepassten Score, welcher seinerzeit die erste große Partitur im Filmbereich mit lateinamerikanischem Jazz darstellt, zelebriert Welles handwerklich also alle typischen Stilelemente des Film noir und fügt sie mit souveräner Eleganz und Leichtigkeit zu einer künstlerisch brillant durchkomponierten Kinematographie zusammen – eine feststehende Tatsache, die selbst dann noch etwas untertrieben ausgedrückt ist.
Die Darsteller
In erster Linie funktioniert "Im Zeichen des Bösen" aber hauptsächlich durch seine Figurenkonstellation. Welles´ dunkle, erdrückende, aber ambivalente Figuren, die einmal mehr riesigen Skulpturen Michelangelos näher kommen, die sich im ganzen Film in viel zu engen Räumen befinden, werden vorzugsweise von befreundeten Stars (Zsa Zsa Gabor, Joseph Cotton) des Regisseurs interpretiert, einige geben sich zudem bestimmten Cameo-Auftritten hin – in bleibender Erinnerung wird beispielsweise Marlene Dietrich ("Die rote Lola"; "Das Urteil von Nürnberg") als leider viel zu kurz kommende Nachtclubbesitzerin Tanya sein. Nicht selten kommt dazu ein Gefühl der Klaustrohpobie auf, wenn diese Individuen miteinander agieren, sich gegenseitig auszuspielen versuchen in diesen unsympathischen Örtlichkeiten. Ob sie sich nun diesseits oder jenseits der Grenze befinden, wird an keiner Stelle so richtig klar.
Charakteristisch für den Film noir, somit also auch in diesem Krimi-Thriller, ist die Aufspaltung und Verkehrung der Rollenverhältnisse. Da hätten wir zunächst einmal den stark schwitzenden, nuschelnden und fettleibigen Inspektor Quinlan (Orson Welles), dessen Methode es ist, sich auf das Zucken seines Beines zu verlassen. Quinlan, der zwar ein Vertreter des Gesetzes ist, ein Star unter den hiesigen Polizisten zu sein scheint, sich letztlich aber als korrupter, brutaler Betrüger entpuppt, der es vorzieht, Beweise zu fälschen, Verdächtige zu einem Geständnis zu zwingen, ja, selbst vor Mord nicht zurückschreckt. Und trotzdem ist dieser Quinlan der interessanteste aller Charaktere. Denn nicht nur durch seine körperlichen Eigenschaften erlangt er diesen Status, nein, er ist es, der die zynischen Kommentare auf seiner Seite hat, er, dieser desillusionierte Mann, avanciert obschon seiner abgehalferten Eigenart zur Identifikationsfigur für den Zuschauer und wird durch seine Fehler, durch seine fehlgeleiteten Moralvorstellungen erst menschlich und greifbar. Unerwähnt sollte darüber hinaus nicht bleiben, dass Welles, obgleich ein brillanter Schauspieler – nicht nur Filmemacher -, alle anderen Beteiligten mit seinem acting an die Wand spielt und zugleich das große Duell – sowohl schauspielerisch als auch figurentechnisch - gegen den "guten" Protagonisten Miguel Vargas aka Charlton Heston ("Ben Hur"; "Schlacht um Midway") souverän gewinnt.
Auf diesen Kampf läuft nämlich alles hinaus. Miguel Vargas gegen Quinlan. Heston gegen Welles. Es scheint, als ob Vargas der strenge Gegenpol zu Quinlan ist, der scheinbar moralisch vorgehende, hagere Idealist. Doch beim genaueren Hinsehen offenbaren sich Vargas´ wahre Charakterzüge. Seiner Karriere wegen bringt er selbst seine Frau (Janet Leigh) in Gefahr, die sich in einer Art "Psycho" bei Tag wiederum in einem Motel mit einer Heroinbande und einem wirren Portier insbesondere bei Nacht herumschlagen muss – Hitchcock hat sich davon inspirieren lassen. Ohne Rücksicht auf Verluste geht er konsequent seinem Ziel nach, ohne jedwede Sensibilität an den Tag zu legen. Klar passt Heston ausgezeichnet in die Rolle, eine Rolle, die, wenngleich des Schnurrbartes und den Haaren, von einem typischen hollywood´schen Klischee-Mexikaner weit entfernt ist, nichtsdestotrotz birgt Vargas aufgrund seiner Kälte/Härte nur weniges bis gar kein Identifikationspotenzial in sich. Das verfestigt und manifestiert sich auch im denkwürdigen Showdown, der nicht nur als schnitttechnisch meisterhafte Montage gesehen werden darf, nein, Welles wirft mit nur einem einzigen lapidaren Satz die Genre-Konventionen über Bord und führt sie ad absurdum, er demontiert sie in gewisser Weise und lässt den sterbenden Quinlan über den integren Vargas triumphieren. Siegt denn bei einem ordentlichen Film noir immer der standhaftere, intelligentere Held? Ganz und gar nicht: "Im Zeichen des Bösen" liefert mit seiner Schlusspointe den Gegenbeweis.
Fazit
Orson Welles letzter in Amerika realisierter Film verknüpft gekonnt seine mayestätische Liebe zum Kino mit einem rauen, kühlen Setting und absolut einwandfreiem Cast, der sich in einer gegen den Strich gebürsteten Story, die einem düsteren Trip gleichkommt, zurecht finden muss, welche sich jenseits jeglicher schwarz/weiß-Malerei ansiedelt. Dabei ist vor allem Welles´ gewohnt eigenwille Art und Weise hervorzuheben, wie er mithilfe einer bedrückenden Atmosphäre und starken Figuren eine rabenschwarze Tragödie ungeahnten Ausmaßes entfacht, in der sich unter der Oberfläche das Abgründige enpuppt und dabei das Gute im Bösen und das Böse im Guten porträtiert. Kein Meisterwerk, aber ein Klassiker.
Bewertung: 8/10
DVD-Details
- Getestete Version: „Im Zeichen des Bösen“-SZ Cinemathek
- Bildformat: 1,85:1 (anamorph/16:9)
- Tonformate: Deutsch Dolby Digital 2.0 Mono, Englisch Dolby Digital 2.0 Mono
- Untertitel: Deutsch, Englisch
- Bonusmaterial: Keines
Verpackung
Wie alle Editionen in der SZ Cinemathek, kommt auch „Im Zeichen des Bösen“ in einem Digipak daher, welches auf den aufklappbaren Seiten neben einer Filmkritik, diversen Filmbildern, einer Liste mit den anderen Titeln der Reihe auch noch Hintergrundinformationen von der eigentlichen Produktion in Form eines kurzen „Making Of“ für den Leser bereithält.
- Diese Seite wurde zuletzt am 24. November 2008 um 19:14 Uhr geändert.
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