Unleashed - Entfesselt (Frankreich/Großbritannien/USA 2005) - Kritik von Isinesunshine

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Unleashed - Entfesselt

Danny (Jet Li, WAR, Die Mumie 3) wird von seinem “Onkel” Bart (Bob Hoskins, Manhatten Love Story) gehalten wie ein Tier - genauer gesagt wie ein Hund: er trägt Lumpen und ein Halsband, wohnt in einem Käfig und isst ohne Besteck aus der Dose. Er wirkt abwesend und zurückgeblieben, denn wenn er das Halsband trägt, ist er der stille und gefügige Untertan seines Herrchens. Nimmt dieser ihm jedoch das Halsband ab, wird Danny zur Killermaschine und mäht jeden nieder, der sich ihm in den Weg stellt.

Sein Onkel hat ihn über 30 Jahre lang dahingehend abgerichtet und trainiert, um ihn in seinem Unternehmen von Geldeintreibern benutzen zu können. Bart lässt Danny die Arbeit machen und vergnügt sich jeden Abend mit einer neuen Nutte. Danny wird wie Dreck behandelt und nur zum Arbeiten aus seiner Gefangenschaft befreit. Auch die beiden nähesten Angestellten Barts, Raffles (Vincen Regan, 300) und Georgie (Tamer Hassan, Layer Cake, Tödliche Versprechen), behandeln ihn wie einen Hund und lassen ihm gerne den Vortritt, wenn es brutal wird. In seiner - im Boden eingelassenen - Zelle hat Danny nichts außer einem Boxsack, einer Decke, einem Teddybären und einem ABC-Kinderbuch.

In diesem Buch, das Danny oft durchbättert ist u.a. ein Klavier abgebildet, dass den Mann fasziniert. Als die Gruppe um Bart einen Auftrag in einem Antiquitätengeschäft durchzieht, muss Danny in einem Raum voller Klaviere auf seinen Auftritt warten und trifft dort auf den blinden Klavierstimmer Sam (Morgan Freeman, WANTED, Sieben). Letzterer bittet ihn, ihm bei seiner Arbeit zu helfen, doch als Danny von seinem Herrchen gerufen wird, gehorcht er und verschwindet.

Nach einem Anschlag auf den engsten Kreis der Organisation - Bart, Danny, Raffles und Georgie - flieht Danny, der sich als Einziger noch rühren kann, und wartet bei den Klavieren im Antiquitätenlager auf Sam. Als der Blinde ankommt, bricht Danny in Folge seiner Verletzung zusammen und Sam nimmt ihn mit nach Hause, um ihn dort aufzupeppeln. Danny wacht bei Sam und dessen Tochter Victoria (Kerry Condon) auf und wird von den beiden bekocht und auf die Beine gebracht. In der netten kleinen Familie bekommt Danny die schönen Seiten des Lebens gezeigt und wird ein neuer Mensch. Leider läuft er eines Tages Raffles über den Weg, der ihn zurück zu Bart schleift und ihm droht, Sam und Victoria etwas anzutun, sollte Danny nicht kooperieren… …

Wer Jet Li unterstellt, er könne nur kämpfen, dafür aber nicht schauspielern, der wird in Unleashed - Entfesselt eines Besseren belehrt. Insofern ist der deutsche Titel etwas fehlleitend: bei “entfesselt” denkt man sofort an “drauf losgelassen/-gehetzt”, böse Absichten und Zerstörungswut des Entfesselten und sehr viel Hau-Drauf-Action. Darum geht es in diesem Film allerdings nicht schwerpunktmäßig. Der Originaltitel Danny the Dog ist meiner Meinung nach der passendere, denn der Film beschäftigt sich in erster Linie mit der Person, dem Charakter Danny und dessen Entwicklung. Jet Li spielt diesen Wandel unerwartet eindrucksvoll, emotional und ergreifend.

Danny wurde von seinem “Herrchen” Jahrzehnte lang gdrillt, was ihm nicht ermöglicht hat, eine normale Persönlichkeit aufzubauen, die (Außen)welt zu sehen, eine normale Entwicklung durchzumachen und Wissen anzuhäufen. Er ist also teilweise mit einem kleinen Kind zu vergleichen; z.B. wenn er - bewacht von seinem Teddybären - schlafen geht, das ABC-Bilderbuch durchblättert oder im Auto versucht, möglichst viele visuelle Eindrücke seiner Umgebung aufzuschnappen. Jet Li mimt hier einen sehr liebenswerten Menschen, der - trotz seines Aufwachsens in Gefangenschaft - für andere empfindet und damit soziales Verhalten zeigt. Wenn Danny den gerissenen Boxsack verarztet, anstatt sich um seine eigene Wunde zu kümmern, nachdem der in Strömen auslaufende Sand ihn so traurig gemacht hat, ist das sehr ergreifend.

Wer nun befürchtet, Action habe in diesem Film keinen Platz gefunden, den kann ich beruhigen. Zwar wird Action dem Zuschauer hier nicht stetig geboten, die Stellen, an denen Action konzentriert präsentiert wird, sind aber sehr gut choreographiert (Zuständig hierfür war Yuen Wo Ping, der auch in der Kill Bill- sowie der Matrix-Reihe und in The Forbidden Kingdom für die richtige Choreographie sorgte). Besonders einprägsam ist hierbei ein Kampf zwischen Danny und einem anderen Mann, der sich teilweise in einer Toilettenzelle von ca. 2 m² abspielt.

Morgan Freeman ist eine super Besetzung für den blinden Klavierstimmer, der Danny in seine Familie aufnimmt ohne Fragen zu stellen und auch Sams Tochter hat mit Kerry Condon eine passende Verkörperung gefunden. Die beiden sind diejenigen, die Danny neue Worte beibringen, ihm zeigen wie man kocht und was Melonen, Vanille und Eis sind. Hierbei ergeben sich einige witzige Szenen. Bob Hoskins gibt ebenfalls eine gute Vorstellung ab und spielt den Geldeintreiber Bart als harten, brutalen und gierigen Knochen, für den Danny die Bestätigung seines Drill-Projekts darstellt. Den widerwärtigen Gangster ohne Skrupel und gewöhnliche Gefühle, dafür aber mit einem verschobenen Weltbild, nimmt man ihm ohne Murren und Knurren ab.

Wer - neben den Schauspielern - auch ganze Arbeit geleistet hat, sind Kameraleute und Cutter; Kamerafahrten, -einstellungen und -führung sind sehr gut und wurden in der Nachbearbeitung sehr schön zusammengeschnitten, sodass sich einige ansprechende Szenenübergänge im Film widerfinden, die im Kopf des Zuschauers hängenbleiben. An Kamerafahrten sind vor allen Dingen diejenigen um das unterm Klavier spielende Kind (real) und die letzte durch das Zimmer und den Flügel (teils animiert) zu erwähnen.

Musik spielt in Unleashed ebenfalls eine große Rolle, denn der Film dreht sich um einige Pianisten, den Beruf Sams und Danny Faszination für das Tasteninstrument. Der Zuschauer bekommt zwischenzeitlich also - als Zuhörer - etwas auf die Ohren. Hierbei handelt es sich um klassische Stücke, die der/die eine oder andere Pianist/in unter euch eventuell auch selbst schon gespielt hat. Den Soundtrack zum Film steuerte Massive Attack bei. Meist eher elektronisch gehalten, bieten diese Songs das Gegengewicht zur Komponente der Tasteninstrumente, in manchen Stücken kommt es auch vor, dass sich beide Komponenten mischen.

Insgesamt ist Unleashed - Entfesselt ein toller Film, der die Anforderungen und Erwatungen an einen Jet Li-Actioner deutlich zu übertreffen weiß. Unerwartet viel Herz und Tiefgang verbinden sich hier mit stylish choreographierten Kampfpassagen und Jet Li zeigt der Welt, dass er nicht nur ein Kampfkünstler, sondern auch ein guter Schauspieler ist. Für diejenigen die sich für gewöhnlich von Jet Li-Filmen distancieren, weil sie mit Martial Arts nichts anfangen können, ist dieser Streifen durch die Schwerpunktverlagerung also durchaus eine Überlegung wert. Unleashed - Entfesselt hat sich somit 9/10 Punkten erkämpft.

  • Diese Seite wurde zuletzt am 4. Januar 2009 um 22:25 Uhr geändert.
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