Wild at Heart (USA 1990) - Kritik von fincher
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Film-Details
Titel: Wild at Heart
Originaltitel: Wild at Heart
Land/Jahr: USA/1990
Lauflänge: 120 Minuten
Altersfreigabe: 16
Einleitung
Lynchs Roadmovie-Groteske „Wild at Heart“, die seitens der Filmkritiker einige harsche Bewertungen einstecken musste, konnte dennoch völlig überraschend die Goldene Palme bei den Filmfestspielen in Cannes 1990 für sich in Anspruch nehmen. Hingegen aller negativen Meinungen hat Ausnahmetalent David Lynch zwar nicht einen seiner besten, aber dennoch höchst unterhaltsamen Film geschaffen, der gar als modernes Märchen, als Gangster-Thriller und schließlich noch als leidenschaftliche Romanze funktioniert. Die Geschichte von Sailor und Lula ist vorallem eine Geschichte über Liebe, Leid und Perversionen, dazu gesellen sich extrem inszenatorische Gegensätze und stilistische, für den Regisseur typische Merkmale, wie etwa der endlos lange Blick auf die trostlosen Highway-Straßen oder das Feuer ansich, das schon in den Opening-Credits Eingang findet. Gleichzeitig stellt „Wild at Heart“ eine Hommage an den „Zauberer von Oz“ von Lyman Frank Baum dar, der viel zitiert, aber auch in jener legendär gewordenen Sequenz poträtiert und nachgestellt wird.
Handlung
Mit unendlichem Hass und fanatischer Eifersucht verfolgt Marietta die Liebe zwischen ihrer Tochter Lula und deren Freund Sailor. Bis zum Letzten entschlossen setzt sie einen Killer auf den gerade auf Bewährung freigelassenen Sailor an. Lula und Sailor flüchten in ihrem 65er Thunderbird und auf ihrer ruhelosen Odyssee durch den schwülen Süden Amerikas finden sie sich immer wieder in brennendem Verlangen, im Wechselbad zwischen aggressiver Begierde und atemloser Erotik. Mit im Reisegepäck: die bizarren Erinnerungen an die Vergangenheit. Die Suche nach Wärme, Liebe und Geborgenheit endet in einem skurrilen Nest in Texas. Zwischen Säufern und Huren, Killern und Geisteskranken trifft Sailor auf seine ehemalige Geliebte Perdita, die ihn geradewegs an Mariettas Killer, dem wiederwärtigen Bobby Peru, ausliefert. Der zerstörerischen Kraft in dieser Welt von Höhen und Tiefen hält Lulas und Sailors Liebe nicht stand. Doch die Hilfe kommt von unerwarteter Seite...
Umsetzung
Die Story, die man verhältnissmäßig einfach verfolgen kann, wird zumeist in gelegentlichen Rückblenden und Schnitt-Gegenschnitt-Montagen erzählt. Überhaupt bedient sich Lynch zweier Handlungsstränge: Sailor und Lunas Fahrt in die Freiheit, flüchtend vor Lulas bösartiger Mutter und jene zweite Geschichte, die sich mit den Auftagskillern und einem Detektiv beschäftigt, der die beiden aufzuspüren hat. Dabei werden sowohl schöne, anmutige Momente des Daseins heraufbeschwört als auch widerwärtige, schreckliche Passagen des Lebens, in denen die Protagonisten hineingeraten. Ein sogesagter Strudel aus schwarzen und weißen Elementen. Wie eingangs schon erwähnt, spielen vorallem die ungewöhnlichen Gegensätze eine bedeutsame Rolle. Beispielsweise singt Nicholas Cage mit einer Band zusammen einen alten Elvis-Song, kurz nachdem er einen jungen Mann zusammengeschlagen hat, der sich an Laura Derns gespielte Lula herangemacht hat. Oder Cage putzt sich in einer anderen Szene seine dreckigen Schuhe, während Dern sich gleichzeitig in der selben Einstellung ihre Fußnägel glänzend-rot lackiert. Hat der Film manchmal ein paar kleine Längen im Mittelteil aufzuweisen, ist er mit dem Auftritt eines großartigen William Dafoes umso stärker, einer weiteren gewohnt mystischen, seltsamen und durch und durch sadistischen Figur im Lynch-Universum. Dem Ende des Films wird dann wieder seine märchenhafte Erzählweise gerecht, wie in einem von Grimms aufgeschriebenen Geschichten wartet „Wild at Heart“ mit einem Happy End auf, das durch Elvis Presleys „Love Me Tender“ gefühlvoll unterstrichen wird.
Sex, Gewalt und Drogen sind, wie in manchem Werk Lynchs (z.B. "Blue Velvet"), ein großer Knackpunkt des Filmes. Die Beziehung zwischen dem unsterblich verliebten Duos wird zumeist in sexuellen Szenen vermittelt. Es wird viel geredet aber auch viel Geschlechtsverkehr betrieben. Das diese aber dennoch einwandfrei inszeniert sind, findet sich in der Klasse von David Lynch wieder. Manche Sequenzen wirken gar wie kunstvolle Gemälde, die ein wenig irrational, ein wenig surealistisch angehaucht rüberkommen, was mal wieder den Einfluss eines ehemaligen Malers erklären und erkennen lässt. Urteilt man nach der Brutalität, so ist „Wild at Heart“ wohl Lynchs härtester, brutalster und blutigster Streifen. Cages Wutausbrüche, insbesondere zu Beginn und der Überfall einer Bank mit Dafoe sind äußerst explizit und detailreich dargestellt worden. Frederick Elmes, David Lynchs Stammkameramann, schenkt der Gräueltaten besondere Aufmerksamkeit und blendet nicht weg, sondern eröffnet dem Zuschauer die volle Sicht auf dessen Taten und hält die Kamera direkt drauf.
Das schon angesprochene, häufig auftretende, bevorzugte Stilmittel, das den Film wie ein roter Faden durchzieht, ist das Feuer, verbunden mit der Farbe Rot. Feuer symbolisiert sowohl die Leidenschaft der beiden Protagonisten, poträtiert aber auch die Hölle, in der sie sich befinden. Rot kann man dann als Farbe des Blutes, der Liebe deuten. Wie in den meisten Werken von Lynch spielt das optische Erscheinungsbild eine große Rolle. Ungewöhnliche Kameraeinstellungen, surealistische Bilder und ein tiefer Bass-Ton (auch in „Lost Highway“) dominieren auf handwerklicher Ebene. Hauskomponist des Regisseurs, Angelo Badalamenti, unterstreicht „Wild at Heart“ mit einem gelungenen Soundtrack. Neben 50er und 60er Jahre Songs, insbesondere von Elvis Presley, spielt darüberhinaus Jazz und der Rock ´N´ Roll ansich eine bedeutsame Rolle. Nebenbei erinnert der selbskomponierte Score von Badalamenti übrigens ein wenig an Lynchs Kultserie „Twin Peaks“.
Die Darsteller
Das unsterblich verliebte Paar, bestehend aus Lula Pace und Sailor Ripley, gespielt von Nicholas Cage und Laura Dern kann in allen Belangen überzeugen. Cage spielt seine Rolle souverän runter, gerade bei den Wutanfällen weiss er zu überzeugen und seine Schlangenlederjacke, die für ihn ein Zeichen von Freiheit darstellt, gibt ihm eine wunderbare Requisite für die Darstellung seines Charakters. Laura Dern, die eine Art Stammschauspielerin von David Lynch ist (auch „Blue Velvet“ und „Inland Empire“), stellt gewöhnlicherweise eine sehr gute Figur dar. Ihr selbsbewusster Charakter, verbunden mit dem Drang, ewig bei Sailor zu bleiben, ist ebenfalls eine sehr gute Performance und kann mühelos mit Cage mithalten, obgleich sich die richtig starken Leistungen seitens der Schauspieler in den Nebenrollen verbergen. Angeführt von dem schmierigen, sadistischen Bobby Peru, der von William Dafoe verkörpert wird, letztendlich aber ein wenig zu kurz kommt, will heißen ein wenig mehr Screentime hätte der Figur sicherlich gut getan. Erwähnenswert natürlich auch noch die oscarnominierte Diane Ladd, Lulas nicht gerade fürsorgliche Mutter, die sich in einer starken Szene ihr ganzes Gesicht mit rotem Lippenstift bemalt.
Fazit
Grotesk, bizarr, düster. „Wild at Heart“ stellt ein weiteres gelungenes Filmchen von David Lynch dar, das vorallem durch großartige optische Rafinessen und der grandiosen Schauspielerleistungen, insbesondere durch die Nebendarsteller, auftrumpfen kann. Wer also auf Roadmovies der mal etwas anderen Art steht, für den ist „Wild at Heart“ Pflichtprogramm.
Bewertung: 9/10
DVD-Details
Getestete Version: Wild at Heart Collector´s Edition
Bildformat: 2,35:1 (anamorph/16:9)
Tonformate: Deutsch Dolby Digital 5.1, Englisch Dolby Digital 5.1, Italienisch Dolby Digital 2.0 Surround
Untertitel: Deutsch, Englisch für Hörgeschädigte, Italienisch
Bonusmaterial: Making Of, verschiedene Dokumentationen, Bildergalerie, TV-Spots, Trailer
Sonstiges: Die Kopfschußszene mit William Dafoe (1:42:16) wurde in dieser Fassung optisch leicht verändert (zensiert).
Verpackung
Die Collector´s Edition kommt in einem hübschen Digipak mit Prägedruck daher. Allerdings gibt es mittlerweile schon eine Neuauflage im handelsüblichen Amaray-Case.
- Diese Seite wurde zuletzt am 9. März 2008 um 14:21 Uhr geändert.
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